PROGRAMM FÜR FORTGESCHRITTENE

 

Italienische, französische und deutsche Oper (Sylvia Koncza, Phoebe Fennell, David Wakeham)

Auf den ersten Blick werden hier drei Nationalstile benannt. Doch sind die historischen Verbindungen zwischen den Zentren und den herausragenden Komponisten Italiens, Frankreichs und Deutschlands nachweislich in jeder Epoche sehr eng gewesen, die Gipfelpunkte der Opernliteratur hervorgebracht hat.


Am deutlichsten zeigt sich dies in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Paris – die Opernreform von Gluck war eben abgeschlossen, die von dem deutschen Komponisten stark beeinflussten Italiener Cherubini und Spontini leiteten das Conservatoire, Rossini schrieb mit Le siège de Corinthe und Guillaume Tell die ersten prototypischen grand opéras – eine Gattung, die wiederum vom Deutschen Giacomo Meyerbeer (eigentlich Jacob Liebmann Beer) zur Vollendung gebracht wurde, während gleichzeitig der Kölner Jacques Offenbach die Operette „erfand“.


Umgekehrt wären entscheidende Entwicklungen in der italienischen Oper ohne das Experimentierfeld Paris (wo sich Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi die Klinke in die Hand gaben) ebensowenig möglich gewesen, wie die Komponisten in Verdis Nachfolge ohne Wagner, die französischen Impressionisten und Stravinsky.


Die deutsche Oper wurde bis kurz vor Wagner – wie ihre erfolgreichsten Exponenten Hasse, Gluck und Mozart zeigen – größtenteils durch die Formensprache der italienischen Opera seria bzw. der französischen Opéra comique dominiert. Und Wagner selber wusste ganz genau, was sein Musikdrama den Innovationen von Berlioz und Meyerbeer im Orchestersatz und der Sprachbehandlung und Melodik der Werke von Gluck, Cherubini und Bellini verdankte.
Kurz – es gibt keine in sich geschlossenen und ungebrochenen Operntraditionen Italiens, Deutschlands und Frankreichs, sondern die Oper war schon immer europäisch und entwickelte sich durch einen fortlaufenden Austausch der herausragenden Komponisten und Institutionen in den großen Kunstzentren dieser Länder.


Unstrittig allerdings ist, dass Italien – wo die Oper „erfunden“ wurde – in der Behandlung der Gesangsstimme – sowohl was das musikalische Ausdrucksspektrum wie auch die Fortentwicklung der gesangstechnischen Grundlagen – immer führend war, solange es dort eine lebendige Operntradition gab. Nahezu alle führenden Sänger ihrer Zeit studierten in Italien oder bei italienisch geschulten Lehrern in ihrem Heimatland. Darum empfehlen wir jedem jungen Sänger – auch wenn diese Stücke aktuell nicht sehr präsent im Mainstream-Repertoire sind – die Auseinandersetzung mit Soloststücken aus Opern von Monteverdi, Händel, Gluck, Rossini, Bellini und Donizetti als Mittel, um sich die Grundlagen des Belcanto und auch der ausdrucksvollen Sprachbehandlung in Rezitativen anzueignen und Technik, Stil und Interpretation anhand von Musik, bei der es primär auf den Sänger ankommt, immer weiter zu verfeinern.


Oratorien, Messen, Konzertarien (Sylvia Koncza, Phoebe Fennell, David Wakeham)

Wie die Oper hat das Oratorium seine Ursprünge in Italien, doch an die Komponisten, die hier Pionierarbeit geleistet haben, erinnert man sich heute kaum deswegen. Geprägt wurde das Genre so wie es heute in den Konzertspielplänen und Kirchen präsent ist durch die Meilensteine deutscher Komponisten. An erster Stelle sind hier natürlich die strikt kirchlichen Oratorien und Passionen von J.S. Bach zu nennen, daneben die englischen Oratorien von Händel, die – mit Ausnahme des Messiah – dezidiert als theatralisch-konzertante Mischform zwar geistliche Themen aufgreifen, diese jedoch mit einer Dramatik umsetzen, dass auch immer wieder szenische Umsetzungen erfolgreich waren. Immer wieder widmeten sich Komponisten über das Oratorium Gegenständen, die sich einer Visualisierung im Theater sperrten, aber für eine Darstellung mit musikalischen Mitteln spannende Herausforderungen boten –so Haydn mit Die Schöpfung und Die Jahreszeiten, Mendelssohn mit seinen Werken um den Propheten Elias und Apostel Paulus, oder Schumann mit Das Paradies und die Peri und Der Rose Pilgerfahrt.

Auch in Frankreich diente das Oratorium seit Berlioz’ Enfance du Christ und La Damnation de Faust als Experimentierfeld für neue Mischformen zwischen Oper und konzertanten Vokalwerken größeren Zuschnitts. Diese Freiheit nutzen dann auch die Komponisten des 20. Jahrhunderts immer wieder, und weiteten das Themenspektrum einerseits auf epische, mythische, und religiöse aber nicht im Christentum verwurzelte Stoffe aus, andererseits transportieren viele neuere Werke auch dezidierte Appelle für Frieden und Gerechtigkeit, als Reaktion auf die großen

 

Weltkriegskatastrophen und das Atomzeitalter.Opernkorrepetition (Scott Curry)

Dieser Kurs bietet für fortgeschrittene Teilnehmer der Lotte Lehmann Woche die einzigartige Möglichkeit, mit einem international erfahrenen Pianisten und Dirigenten intensiv an ihrem Opernrepertoire zu arbeiten.

 

Bitte geben Sie bei der Auswahl der Stücke für diesen Kurs genau den Arbeitsstand an, auf dem sich die einzelnen Arien befinden, und was sie in Bezug auf jedes gewählte Stück im Rahmen der Lotte Lehmann Woche erreichen möchten.

 

Interpretation und szenische Arbeit (Sebastian Gühne)

Der Schritt von der schön gesungenen Phrase zur erfüllten musikalischen Aussage und szenischen Darstellung ist entscheidend für Sänger und Publikum. Nur dann springt der berühmte Funke über, der aus reinem Kunstverstand ein sinnliches Erlebnis macht, das Spuren hinterlässt.

Diesen Schritt mit wachem Verstand, bewusstem Körpereinsatz und im intensiven Zusammenspiel mit Bühnenpartnern immer wieder zu tun und sich und das Publikum mit den vielschichtigen Erfahrungsebenen einer Arie, eines Duetts, einer Szene immer neu zu überraschen – darum geht es in diesem Kurs.

 

Entscheiden Sie bitte frühzeitig, welche Stücke – bevorzugt Ensembles – Sie hier erarbeiten wollen, damit Sie diese musikalisch gründlich einstudieren und auswendig lernen und wir unter den übrigen Teilnehmern nach geeigneten Partnern dafür suchen können. Die Stücke können aus dem Repertoire der anderen Kurse stammen, Sie können aber auch Arien oder Szenen anderer Komponisten und Stilrichtungen mitbringen.


Die Arbeitsresultate werden bereits am Donnerstagabend in einem geeigneten szenischen Rahmen präsentiert.


Unbedingte Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass Sie die Stücke sprachlich stimmlich und musikalisch sicher und vollkommen auswendig beherrschen (bitte erstellen Sie von jedem Stück eine Interlinearübersetzung!).